
Warum? Warum um 5 Uhr morgens aufstehen und knapp 400 Kilometer in den Süden der Republik düsen? Geld? Wohl kaum, mehr ein monetäres Minusgeschäft. Ruhm und Ehre? Eher nicht. Was ist es dann? Ich weiß es ehrlich gesagt nicht. Aber Training ohne Wettkampf macht für mich einfach keinen Sinn.
Nun gut, 4 schlaflose Stunden und zwei Thrombosen in den Beinen später kamen Armin, Maki, Nenad und ich endlich in Ichenheim an. Ichenheim, am Arsch der Republik. Nenad meinte auf der Fahrt noch ganz ungläubig: “Ich hab das mal bei Google-Maps eingegeben. Das sind nur ein paar Häuser mit Wald drumherum! Wald, nur Wald!” Tstssstsss, immer diese Stadtkinder. Zuerst dachten wir aber auch, wir wären gänzlich falsch gefahren. Da war nur eine alte Schule, umgeben von Lehmhütten mit neugierig dreinblickenden Senioren. Verdammt. Alles umsonst. Aber dann, oh gesegneter Jahwe, hinter dem Parkplatz, da eröffnete sich uns die Langenrot-Halle wie dem Yoga-Guru Swami Vishnudevananda das schneeweiße Taj Mahal in der indischen Morgenröte. Endlich angekommen, die erste Hürde war somit genommen. Nun die zweite: die Toiletten finden. Ganz weltlich.
Was soll ich sagen? Organisatorisch ein Albtraum. Als wenn der gute alte Charles Manson höchstpersönlich die Feder führen würde. Niemand wusste, wer wann wo kämpfen sollte. Die Pool-Listen waren nur ansatzweise lesbar und nach zwei Minuten auch schon wieder obsolet, weil sich wieder etwas geändert hatte.
Obwohl wir noch Glück hatten. Nenad und ich kämpften immer auf der gleichen Matte. Mal wurde die eine oder andere Gewichtsklasse dazwischen geschoben, aber wir kamen in all dem Wirrwarr noch einmal glimpflich davon. Zwar wurden die Kämpfe löblicherweise mittels Mikrophon angesagt, allerdings könnte einer der Sprecher mit seiner monotonen Stimme sogar einer Überdosis Propofol ernsthafte Konkurrenz machen. So würde ich einfach immer müder. Und Armin und Maki, direkt von der Tür ins Auto gestiegen, schliefen sogar fast beim Reden ein. Ein toller Tag.
Die Location war schon in Ordnung. Saubere Toiletten, eine helle, Licht geflutete Halle, Zuschauerbegrenzungen um die Mattenfläche und ein angebotsreicher Catering-Bereich. Auch wenn die Pommes-Dampfschwaden bisweilen meine Geruchsnerven erheblich beansprucht haben. Dafür war der Käsekuchen einfach weltklasse. Wahrscheinlich der beste, den ich jemals gegessen habe.
Ich war mir auch nicht wirklich sicher. Ist er das? Eigentlich war es mir auch scheißegal. Solange er nicht Michael Jackson heißt, liegt mein Interesse so ungefähr bei marginal unter Null. Und der ist ja bekanntlich tot. Leider.
Aber er war es. Krankfurts own Azad. “Wat macht der denn hier? Gibt der nen Konzert, oder wat?” Lirum larum, Respekt muss ich Azad ja dennoch zollen, auch wenn ich absolut kein Fan seiner Musik oder seiner was auch immer bin. Sich auf die Matte zu stellen; mit einem Weißgurt um die Lenden geschwungen und das Risiko in Kauf zu nehmen, zu verlieren. Fröbels a la Sido, Bushido und co würde ich es definitiv nicht zutrauen. Keep on training, yeah.

Nenads erster Kampf in der -85kg-Klasse war leider auch zugleich sein letzter. Sein Gegner war technisch einfach besser und konnte den Kampf mit Kata-Gatame für sich entscheiden. Egal. Mehr und besser und intelligenter trainieren und nächstes Mal besser machen.
So gegen halb drei war ich an der Reihe. Nach 10 Sekunden im Kampf wurde mir klar: “Hier stimmt etwas nicht. Das wird heute ein ganz, ganz schwerer Kraftakt!” Ich hatte einfach null Power und meine Arme waren sofort zu. Der Grund: ich hatte nur fünf Stunden schlafen können und nicht gefrühstückt. Keine Milch mehr im Kühlschrank für meine Haferflocken. Das einzige was in meinem Magen war hieß Balisto und reichte grade einmal dazu, meine Körpertemperatur auf knappe 37 Grad zu halten.
Also machte ich Fehler. Fehler aus mangelnder Konzentration. Dabei geht es im Turnier gerade um die Fehler-Minimierung. So wenige Fehler wie möglich machen, weil jeder Fehler bedeutet Punkte für den Gegner. Und auf einmal hat man drei Widersacher: die Uhr und die Punkte und den Gegner.
Meinen ersten Kampf habe ich noch mit Mata Leon beenden können, aber es fiel mir ziemlich schwer. Positionen, Bewegungen, Set-ups, einfach alles war eine einzige Qual. Meine gewohnte Aggressivität war nicht da. Tunnelblick.
Beim zweiten Gegner hat es da nur noch zum Punktsieg gereicht. Zwar fühlte ich mich in keiner Situation bedroht, aber mit meiner Zuversicht ging es rapide bergab. Nach dem Kampf ging ich auf wackeligen Beinen erst einmal an die frische Luft. Meine Unterarme waren hart wie Krupp-Stahl.
Da kam auch schon die frohe Botschaft. Mein Halb-Final Gegner: Faixa Preta von der Carlson Gracie Akademie aus Brasilien. Es machte sich Unbehagen in mir breit. Diese Wortkombination, “Faixa Preta” und “Brasilien”, war Gift für meine Psyche. Im meinem Kopf nahm ein Gedanke alles für sich ein, ersticke jeden Keim, jedes Fünkchen Optimismus: “Wie willst du gewinnen? Du bist zu kaputt! Du kannst nicht gewinnen!”. Go fuck yourself. So habe ich mir 20 Minuten lang meine Strategie in den Kopf gehämmert: “Rechne mit dem Schlimmsten! Nicht grapplen, sondern ringen! Sein Game erst zerstören! Mein Game aufzwängen! Turbo auspacken!”
Mit der vertrauten Stimme aus der Ecke im Ohr auf die Matte. Gedanke ordnen, kanalisieren, Fokus! “Jetzt zeig mal was du kannst, Junge!” Durch die Nase ein, durch den Mund ausatmen. Shake hands, go. Irgendwann hörte ich Armin sagen: “Lass dir das nicht mehr nehmen, du führst nach Punkten!” Da kam die bitter nötige Aggressivität zurück und der Turbo-Booster startete. Kurz vor Ende des Matches machte die Body-Triangle “klick” um seinen Bauch und der Referee bewahrte ihn vor dem Mata Leon. Obrigado.
Im Finale ging es dann gegen eine Franzosen. Takedown, Guard, Pass, Sidemount, Mount, Sidemount, Reverse Guillotine. Mission accomplished.
Ab unter die Dusche, rein ins Auto, zurück in die Heimat. Immer dem Kölner Dom entgegen.
pelicanino
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